Astrid Rieder trans-Art

Analyse der trans-Art

Einführung

trans-Art ist ein in Echtzeit entstehender Dialog zwischen zwei oder mehreren Künstlern, der traditionell gesetzte Grenzen zwischen Kunstgenres durchbricht. Dadurch ermöglicht trans-Art die vertiefte Wahrnehmung abstrakter Kunst auf mehreren Ebenen. Eine trans-Art Performance verbindet mindestens zwei Kunstrichtungen, meist bildende Kunst und neue Musik (neue Musik ist seit dem Beginn der künstlerischen Arbeit 1993 integraler Faktor), kann aber auch Tanz, Akrobatik oder Text (siehe „do trans-Art 08“ mit Sam Beklik) umfassen. Obwohl die Grundzüge einer solchen Performance von den Künstlern vorbereitet werden, entsteht der Dialog spontan und wird z.B. durch die Atmosphäre am Tag der Performance beeinflusst. Mit ihrem Hintergrund als Bildende Künstlerin und Liebhaberin neuer Musik begann Astrid Rieder in den 90er Jahren mit ersten trans-Art Experimenten. Seither hat sich daraus die Kunstform der trans-Art und das Werk der Composition Graphique Musicale (der Begriff für das 3-teilige Ergebnis einer trans-Art Performance) entwickelt.

I. Analyse 

Bei einer trans-Art Performance gibt es einen visuellen und einen akustischen Künstler, die in Echtzeit einen Kunstdialog schaffen. Dazu hängt für den bildnerischen Part der Performance von Beginn an ein großes Blatt Papier (die sogenannte papierne Leinwand) an der Wand, auf die das Publikum direkt blickt, daneben bereitgestellt sind die Farben. Falls es keine Möglichkeit gibt, auf einem großen Papier an der Wand zu zeichnen, sitzt der visuelle Künstler an einem Tisch, auf dem der Skizzenblock und diverse Stifte liegen. Eine Videokamera filmt den Zeichenvorgang, welcher mittels Beamer auf eine Wand projiziert wird. So ist der visuelle Prozess in jedem Fall für den Musiker und das Publikum sichtbar.

Die Farben werden für die jeweilige trans-Art Performance speziell ausgewählt, was eine spezifische Handschrift vermeidet. Es ist der Dialog zwischen den Künstlern, der Identität stiftet, nicht die selbstreflexive Handschrift. Manchmal bleibt die Farbwahl monochrom wie z.B. bei der „do trans-Art 06“ mit Hans Wolf. Bei jeder gemeinsamen Performance befindet sich schräg seitlich von der Leinwand der (oder mehrere) Klangkünstler mit seinem Aktionsmittel (ein Instrument, Elektropult, Schreibmaschine…). Die Länge der Performance kann variieren, meist dauert sie etwa 30-40 Minuten.

Die Grundzüge im Ablauf einer trans-Art Performance sind gegeben, was sich genau daraus entwickelt bleibt jedoch offen. Die Künstler eröffnen die Performance gemeinsam. Um dies zu ermöglichen, ist es wichtig, dass sich die Künstler bereits kennen, eine Idee haben, womit der jeweils andere beginnt. Dies geschieht in einem Gespräch - Probe an sich gibt es keine, damit Konnotationen nicht schon vorher die Spannung verlieren. Vom ersten Moment der Performance treten die Künstler ein in einen multidirektionalen Dialog, in dem sich die verschiedenen Kunstrichtungen auf Augenhöhe begegnen. Die tradierten Formen der Darbietung werden verlassen und eine frei assoziative Darstellung entsteht. Abstrakte Linien, Formen und Klänge interagieren, erweitern und ergänzen einander. Die Künstler zeigen somit während einer trans-Art Performance Respekt und Vertrauen, sie beobachten und reagieren. Schnell wird klar, dass die beiden die einzelnen Kunstsparten nicht trennen. Das Publikum kann beobachten, wie die Kunstschaffenden aufeinander hören, eine gemeinsame Ebene des Dialogs schaffen, auf der abwechselnd geführte Rede und Gegenrede möglich sind. Es ist ein Dialog, in dem sich Musik und Zeichnung einander vertrauensvoll zuwenden und gemeinsam mehr werden. Bereits gezeichnete Bilder können überzeichnet und damit erweitert werden.

Wie in einem zwischenmenschlich konstruktiv geführten Dialog ist auch hier die Reaktion und Entwicklung für beide Akteure nicht vorhersehbar. Es gibt Momente, in denen die Wahrnehmung des Einen nicht die des Anderen ist. Dennoch bleibt der Spannungsbogen erhalten. So wird eine gemeinsame Ästhetik für das Publikum und die Akteure geschaffen. Diese Beobachtung intensiviert die Wahrnehmung abstrakter Kunst, die ansonsten für manche vielleicht nicht so zugänglich ist. Formen können besser erkannt und verstärkt wahrgenommen werden, alle Sinne werden stimuliert.

Während der trans-Art Performance entsteht eine sogenannte Composition Graphique Musicale, die sich aus drei Teilen zusammensetzt: (1) einem akustischen Part, (2) einem grafischen Part und (3) dem Dokumentarvideo. Der akustische Part, der aufgenommen und in die Radiosendung "Atelier für neue Musik/trans-Art" integriert wird und quasi durch das Internet Archiv CBA, Cultural broadcasting Archive, immer hörbar ist, besteht aus einem sequenziellen Tonerlebnis und umfasst alle Klänge im Raum, die Musik, die Zeichengeräusche und mehr. Der grafische Part beinhaltet die Zeichnung, die sich durch additive Prozesse während der Performance stets verändert. Um das Gesamtkunstwerk des Dialogs mitsamt der verschiedenen Prozesse festzuhalten, wird ein Dokumentarvideo gemacht.

Für den grafischen Part gibt es verschiedenstes Farbmaterial: schwarze Kugelschreiber, harte und weiche Bleistifte, Kohlestifte und schwarze Kreide, diverse Pastellkreiden und nasse Farben. Auf der papierenen Leinwand können sich zeichnerische und malerische Materialien treffen. Acrylfarben und KRINK Farben werden verwendet. Letztere basieren auf Lack und haben daher die größte Deckkraft unter den farblichen Materialien. Sie stellen mit dem Schlusston das Ende des Dialoges dar.

Die Composition Graphique Musicale sieht sich nicht als Gesamtkunstwerk, sondern als ein Spiel, Erleben und Vertiefung von Wahrnehmung.

Passend dazu schrieb Robert C. Bauer folgende Gedanken nieder:

(Traditionelle) Musik hat in der Regel eine zielgerichtete zeitliche Dynamik, einen Anfang und ein Ende - bildende Kunst hat dies nicht. Ein Bild "ist" - ein Musikstück muss stets wieder aufs Neue erst "werden". trans-Art begreife ich somit in erster Linie als den Versuch, die Faszination des "Werdens" in der Musik auf die Malerei zu übertragen, indem der zeitliche Prozess des Malens selbst zur Musik inszeniert wird. Wichtig ist keineswegs der Ist-Zustand des am Ende "fertigen" Bildes, sondern allein der Vorgang seiner Entstehung - schließlich ist die Musik am Ende auch nicht mehr wirklich da, sondern existiert nur mehr als Erinnerung.

II. Publikumsperformance

Eine besondere Form der trans-Art Performance ist die sogenannte Publikumsperformance. Wie der Name bereits verrät, wird das Publikum dabei eingeladen, sich aktiv am Kunstschaffen zu beteiligen. Jeder im Saal Anwesende bekommt ein Brett, das als Resonanzkörper dient, Papier und Stifte, um den eigenen Eindrücken freien Lauf zu lassen. Das Publikum wird so aktiver Teil des Dialogs, jeder ein Mitwirkender im Ensemble der trans-Art. Während der Musiker nun nicht auf die überall im Raum gezeichneten Formen reagieren kann, findet der Austausch zwischen den Künsten auf einer anderen Ebene statt: mithilfe von Mikrofonen werden Zeichengeräusche des Publikums aufgenommen und verstärkt. Das Publikum bekommt eine eigene Stimme und wird zu dem Musikstück dazugestellt.

Da der Musiker ein bereits notiertes Stück neuer Musik spielt, ist der Prozess unidirektional. Es kann allerdings manchmal auch zu bidirektionalen Momenten kommen, wie z.B. bei der „do trans-Art 08“-Publikumsperformance mit dem Hornisten Dominik Gruber.

Die Publikumsperformances verfolgen mehrere Ziele. Einerseits sind sie ein Versuch des Öffnens für die Rezeption von trans-Art. Andererseits sollen sie dem Publikum eine eigene Stimme geben und die Besucher zu aktiven statt passiv-sesselwetzenden Rezipienten neuer Musik machen. Neue Musik ist die Musik der Gegenwart, handelt von der sozialen Situation von Menschen, von Religionen, von verschiedenen Entitäten, von den verschiedenen Geschwindigkeiten und vielem mehr.

Auch wenn Robert C. Bauer sagte, er denke beim Komponieren nicht an polarisierende Politiker, bin ich der Meinung, dass sich der Zustand seines persönlichen Habitats sehr wohl in seinem musikalischen Denken abbilden werde.  Ja - ich gehe sogar so weit, dass sich trans-Art aus dieser gesellschaftlichen Situation heraus gebildet hat. Kunst ist ein sozio-kulturelles Phänomen. - Astrid Rieder

III. Geschichte der trans-Art

trans-Art ist eine Kunst der Gegenwart, die sich langsam aus dem langjährigen Schaffen von Astrid Rieder entwickelte.

Die ersten Schritte wurden bereits in den 1990er Jahren gelegt, als Astrid Rieder 1993 an einem Malseminar in St. Virgil mit Wolfgang Seierl (Maler und Komponist in Wien) teilnahm. Dort zeichnete sie unidirektional zu Klängen von Morton Feldman und John Cage. Es folgten weitere Teilnahmen an Malseminaren am Dachstuhl des Gemacherhauses hinter dem Dom, wo sich heute der Baron Schwarzenbergsaal befindet.

Von 1996 bis 2006 organisierte Astrid Rieder Hauskonzerte, welche erste interdisziplinäre Erfahrungen hervorbrachten. Unter anderem wurden neue Musik, Lesungen und Videoproduktionen verschiedenster Künstler präsentiert. Zur gleichen Zeit nahm sie an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst auf der Festung Salzburg (Klasse Xenia Hausner, Klasse Hella Berenth) und von 2000 bis 2006 an Malseminaren bei Johannes Ziegler in Salzburg teil.

Mit dem Umzug ins Atelier im Techno-Z in Itzling begann 2007 eine neue Ära der interdisziplinären Atelierkonzerte: zuerst fanden sie im Atelier statt, dann wegen des großes Echos im Veranstaltungssaal. Bis 2010 fanden die Atelierkonzerte in Itzling statt, nach dem Umzug ins Künstlerhaus in 2011 im Großen Saal des Künstlerhauses. Der niederschwellige Zugang ermöglichte einem breiten Publikum (Höhepunkt 2011: 180 Besucher!) den Zugang zu neuer Musik und interdisziplinärer Kunst – der sogenannten trans-Art.

2013 beschloss Astrid Rieder jedoch, das Konzept zu schärfen und pro Konzert ein Thema mit ausgewählten Beiträgen zu präsentieren. So konnte sie selbst sich wieder mehr auf das eigene Kunstschaffen konzentrieren und auch selbst mehr trans-Art Performances und Touren durchführen.

Durch ihre Teilnahme als Gasthörer am Musiktheoretischen Seminar im Mozarteum bei Christian Ofenbauer erweiterte sie nebenbei ihr kunstwissenschaftliches Wissen.

Mittlerweile ist trans-Art ein geprägter Begriff und wird durch regelmäßige Veranstaltungen, wie die seit Juli 2016 stattfindende do trans-Art, für jeden und jede zugänglich gemacht. Auch in ihrem Atelier in Wien schafft und präsentiert Astrid Rieder trans-Art. Die Composition Graphique Musicale bleibt seit der Abschlussveranstaltung der Schmiede 2016 als dreiteiliges Ergebnis zurück. Auf der Perner Insel entstand bei dieser Werkschau aus dem Gespräch mit Maurin Donneaud, Medienkünstler aus Frankreich, dieser später noch weiter entwickelte Begriff.